Margo Anand: Liebe überwindet die Grenzen

Das philosophische Radio vom 2. Juli 2004

Die moderne Sexualwissenschaft bestreitet den Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Sexualität. Sie sieht auch keinen Grund für einen Geschlechterkrieg, wie Nietzsche von männlicher und Schwarzer von weiblicher Seite fordern. Margot Anand sieht im Gegenteil gute Chancen, dass der Gegensatz von Mann und Frau in der Liebe auf der Basis asiatischer Liebesphilosophie eingeebnet werden kann. Sie plädiert deshalb für einen Euro-Tantrismus. 

Margot Anand wurde 1950 in Paris geboren. Sie erforschte nach einem Studium der Philosophie die großen Traditionen der ekstatischen Liebe. Sie qualifizierte sich aber auch in Körpertherapien. 1975 entdeckte sie die 5000-jährige Tradition des Tantra. Eine Ausbildung in der Kunst des Tantra absolvierte sie beim Tantra-Meister Bhagwan (1931-1990), der sich später Osho nannte. Bei Osho lernte sie, von der Liebeslust zum kosmischen Bewusstsein zu gelangen. Diese Möglichkeit hatte Platon schon vor 2500 Jahren erkannt. Osho sagt: "Wenn Ich und Du in der Liebe verschwinden, dann öffnet sich eine Tür und Gott wird da sein." 

Haben Sie in der Liebe schon Gott erlebt?

Seit Anfang der 80er Jahre leitet Anand Tantra-Institute auf der ganzen Welt. Mit ekstatischer Liebe will Anand die gewalttätige Liebe zurückdrängen. 


Zur Diskussion: 

Um die Konfrontation von Mann und Frau abzubauen, sollte jede Frau ihre männlichen und jeder Mann seine weiblichen Anteile entdecken. 

Die Liebe sollte mit viel Zeit und mit vielen inneren Bildern entwickelt werden. Die Partner sollten sich in der Liebe mit abgesprochenen Visionen begleiten. Nach der Liebe sollten diese Visionen auch in den Alltag umgesetzt werden. 

Die Liebe sollte immer ganzheitlich sein. Sie sollte sich nicht auf bestimmte Körperzonen und Rituale fixieren, sondern kreativ und frei die Liebe als Begegnung und Erforschung zulassen. 

Um die Liebe zu vertiefen, sollten alle Menschen "Gipfelerfahrungen" auch im Alltag kultivieren. Dazu gehören: Erfahrungen der Natur-Verschmelzung, das Glück bei Tanz und Musik, das Erstaunen beim Reisen und beim Erleben neuer Welten.

Zur Liebe gehört auch eine Utopie: "Der neue Mann und die neue Frau im 21. Jahrhundert". 

Die Liebe kann zu extremen Tiefenerfahrungen führen. Der Liebesprozess kann Bilder hervorrufen, die Angst machen und verwirren. Anand rät zu einer sorgfältigen Kommunikation über Angstbilder, die in der Liebe auftreten können, zunächst und entscheidend mit dem jeweiligen Partner. 

Nur die partnerschaftliche Liebe kann der wachsenden Gewalt in der Welt der Kriege etwas entgegensetzen.